Kiew und Tschernobyl – Reise in ein Land im Bürgerkrieg und freiwillig in die Postapokalypse

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Der Maidan, hier fanden die großen politischen Unruhen statt

Auf geht es nach Kiew. Nein nicht wie bei mir üblich mit dem Schiff. Das wäre zwar theoretisch möglich, aber doch etwas aufwendig.  Von Hamburg durch die Straße von Gibraltar durch das Mittelmeer und das Schwarze Meer bis hoch nach Kiew. Soweit ist der Dnepr nämlich schiffbar.

Wir sind geflogen. Das erste Mal mit Umsteigen in meinem Leben. Da ich Fliegen ja so unendlich liebe habe mich sehr auf zweimal Starten und zweimal Landen gefreut… Oder so ähnlich. KLM hatte einen absolut tollen Service, das hilft nur nicht wenn die Maschine, die wir von Amsterdam nach Kiew nehmen wollten kaputt ist. Die Maschine sollte erst einmal repariert werden. Da war ich mit meiner Lust am Fliegen gleich wieder richtig gut im Rennen! Juhu! Mit extra Nervenkitzel! Ohne Aufpreis! Am Ende sind wir mit fast 2 Stunden Verspätung gestartet. In einer Ersatzmaschine. Glück gehabt.

Warten auf ein Flugzeug nach Kiew

Wir haben heute auch schon einmal Kiew ein wenig erobert. Die Eindrücke sind etwas verwirrend, davon aber am Sonntag mehr. Was ich schon einmal sagen kann, wer richtig günstig Urlaub machen will ist hier richtig. Der internationale McDonalds-ChickenMcNuggets-Referenzpreis zeigt das deutlich: 6 Nuggets für umgerechnet etwa einen Euro.
Dass Kim dann am Geldautomaten beim ersten Versuch umgerechnet etwa 6€ abgehoben hat fand ich dann doch etwas übertrieben. Da wechseln die hohen Werte auf dem Display im Gegensatz zu Deutschland (angeblich) auf dem Display die Seite und schon wird das nix mehr mit dem Banker am Geldautomaten.

Die Postapokalypse folgt erst morgen. Dann fahren wir in die Sperrzone rund um Tschernobyl.

Schon vom Erzählen im Vorfeld weiß ich, dass das polarisiert. Entgegen meiner sonstigen Art habe ich dem Einem oder anderem von der Reise erzählt. „Super spannend“ und „Wie kann man nur“. Dazwischen gibt es nichts. Was treibt uns also an den Ort der wohl größten Umweltkatastrophe des letzten Jahrhunderts?

Immer noch warten

Ich erinnere mich noch gut an den Reaktorunfall. Ich war acht Jahre alt als Block 4 des Kernkraftwerkes von Tschernobyl explodierte. Auf einmal war alles anders. Ich durfte nicht mehr draußen spielen, Sandkästen waren völlig tabu. Meine schon damals ach so geliebten Milchprodukte (die Laktoseintoleranz ist ein Stinkefinger des Schicksals) durfte ich nicht mehr essen. Die von Oma gesammelten Pilzen wurden weggeworfen. Alle waren sehr angespannt. Das hat mich verwirrt und dadurch auch geprägt. In dieser Zeit ist die Anti-Atomkraft Bewegung entstanden welche dieses Land bis heute politisch sehr geprägt hat.

Der Grund für diese ganze Aufregung war sehr abstrakt. Bis heute eigentlich nicht greifbar. Und genau das ist etwas was ich überhaupt nicht leiden kann. Ich muss Dingen sehen oder erleben damit ich sie verstehen kann. Wenn Menschen sterben muss ich zu einer Beerdigung oder wenigstens ans Grab. Wenn Kollegen auf einmal kündigen und ich nach dem Urlaub nur noch erfahre, dass sie weg sind, ohne Abschied, kann mich das über Monate und Jahre beschäftigen. Selbst ein längerer Flug verwirrt mich sehr, weil ich diesen völligen Wechsel der Umgebung ohne einen erkennbaren Übergang nicht richtig fassen kann. Ist irgendwie eine Macke von mir.

Morgen werde ich an den Ort dieses einschneidenden Erlebnisses reisen. Wir werden verfallene Dörfer sehen, mit Prypjat eine Stadt für 55.000 Einwohner, die von jetzt auf gleich evakuiert werden musste und seitdem als Mahnmal vor sich hin rottet besuchen. Die Gebäude werden schon lange verfallen und von der Natur zurück erobert worden sein bis die Region in einigen hundert bis tausend Jahren wieder normal bewohnt werden kann.

Ich werde diese obskure Strahlung von der damals alle gesprochen haben zwar nicht sehen oder fühlen aber ich werde sie durch den Geigerzähler hören könne. Die allgemeine Strahlung ist in der Sperrzone nach wir vor deutlich höher als in anderen Gegenden. An manchen Stellen so hoch, dass auch ein kurzer Aufenthalt bereits schwere gesundheitliche Schäden mit sich bringen könnte.

Und letztendlich werden wir vor dem Reaktor stehen, dem Ort der eine gewaltige Veränderung in meinem kleinen Leben und der Gesellschaft als Ganzes ausgelöst hat. Wir werden wenige hundert Meter vor dem neuen Sarkophag stehen. Ich bin sehr gespannt was das erleben einer postapokalyptischen, durch den Menschen auf ewig schwer geschädigten Welt bei mir auslösen wird. Berichte die ich gesehen habe erinnern mich sehr an die Bilder aus der Serie The Walking Dead.

Für mich ist diese Reise so etwas wie die Reise zu einem Mahnmal das mich uns daran erinnern muss, dass alles was passieren kann einmal passieren wird, egal wie unwahrscheinlich dies auch sein mag. Ein Mahnmal bei allem was wir tun zu bedenken ob wir mit diesem Worst Case leben können.

Und was ist mit der Strahlung? Kein Problem. Also im Prinzip. Ja die Strahlung rund um den Reaktor ist deutlich erhöht im Vergleich zur „normalen“ Umgebung. In den meisten Gebieten ist sie, insbesondere bei einem kurzen Ausflug aber weit entfernt von einer Gefährlichen Dosis. In der Regel bekommt man weniger Strahlung ab als beim Flug nach Kiew.

Ich bin sehr aufgeregt vor diesem Ausflug.

 

PS: Das Hotel hat echt Stil:

Die Lobby des Hotels ALFAVITO in Kiew

 

  1. Kim

    Da vertippt man sich EINMAL am Geldautomaten…

    Ich ergänze das musikalische Highlight des Tages… tatsächlich dröhnte aus dem Autoradio ‚Some hearts are diamonds‘. Eine verstörende Dieter Bohlen Schmonzette für die sich Chris Norman heute noch schämt…

    https://youtu.be/B1rYfTgK9pE

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