Tschernobyl – Eine postapokalyptische Welt

Eingetragen bei: Kiew und Tschernobyl | 1

 

Morgens um acht beginnt unsere Reise in das Sperrgebiet von Tschernobyl. Es ist kalt und es schneit und schneit. Ich war etwas traurig über das schlechte Wetter, wie sich später herausgestellt hat war es ein Glücksfall, der uns ein einmaliges Erlebnis beschert hat.

Nachdem wir den noch offenen Betrag für den Ausflug bezahlt haben geht es auch schon los. Wir sind eine Gruppe von sechs Personen. Es reisen noch ein französisches und ein britisches Paar mit uns mit. Sollte ich mich später einmal über die etwas spröde Mentalität der Ukrainer auslassen, dies ist kein Vergleich mit den Vieren. Grimmig guckend, teilweise gelangweilt wirkend, kaum eine Silbe sprechend. Das passte perfekt zu der eher zurückhaltenden Art von Kim und mir.
Somit hatte Elena, unsere wirklich reizende Reiseleiterin, den Preis gewonnen mit uns sprechen zu dürfen. Unseren Geigerzähler haben wir auch direkt bekommen, zum Vergleich für später: Die natürliche Strahlung im Bereich Kiew beträgt 0,12 bis 0,14 Mikrosievert pro Stunde (µS). In Deutschland ist dieser Wert häufig deutlich höher, in bergigen Regionen kann der Wert auch schon einmal auf bis zu 2,5µS ansteigen.

Auf der etwa zweistündigen Fahrt in Richtung Reaktor wurden wir erst einmal mit den Sicherheitshinweisen vertraut gemacht. Nichts anfassen, nicht hinsetzen, nichts auf den Boden legen. Die Gefahr der Kontamination mit radioaktiven Partikeln ist zu groß. Außerdem lange Kleidung und geschlossene Schuhe tragen. Dies hat weniger Grund, dass wir hinterher Partikel auf der Haut haben könnten, denn als Schutz vor Strahlung. Wenn von radioaktiver Strahlung die Rede ist wird in der Regel von Gammastrahlung gesprochen. Diese durchdringt eine Hose und Schuhe problemlos. Gammastrahlung ist aber nicht die einzige problematische Strahlung die in der Region von Tschernobyl zu finden ist. Auch Alpha- und Betastrahlung ist reichlich vorhanden. In Prypjat gibt es z.B. eine vergleichsweise hohe Konzentration an Plutonium welche Alphastrahlung aussendet. Diese wird aber tatsächlich durch die Schuhe und Kleidung abgeschirmt.

Ein weiteres und für die Sicherheit aller in der gesamten Region wichtiges Verbot: Absolutes Rauchverbot! Die größte Gefahr die heute vom Sperrgebiet von Tschernobyl ausgeht ist Feuer. Sollte es zu einem Waldbrand kommen würden ungeheuerlich Mengen an radioaktiven Partikeln, die jetzt im Boden und in den Pflanzen gebunden sind, freigesetzt und hoch in die Atmosphäre gebracht werden.

Zur Einstimmung wird noch einen Film über den Ablauf der Katastrophe gezeigt und wir machen einen Zwischenstopp zum Schuhe kaufen. Elena hat uns dringend empfohlen, unterwegs in einem Angelladen, ein Paar gefütterte Gummistiefel zu kaufen. Die Wege in der Sperrzone sind außerhalb der Hauptstraßen nicht geräumt. Da könne man schon einmal bis zu den Knien im Schnee stecken. Das war wieder so einer dieser Momente, in dem ich bemerkte, was für ein Zivilisationskrüppel ich eigentlich bin. Ich habe mir die ganze Zeit Sorgen wegen des Schnees von oben gemacht. An den der sich dort schon mächtig hoch stapeln dürfte nicht eine Sekunde.

Die Einfahrt in die Sperrzone befindet sich ganze 30km vom Kraftwerk entfernt. Nur wer angemeldet ist und sich ausweisen kann wird in die Zone gelassen. Auch bei organisierten Reisegruppen. Der ganze Bereich ist komplett eingezäunt und gesichert. Die radioaktive Strahlung ist hier noch sehr gering. Stellenweise haben sich aber bereits erste Hotspots, das sind Ansammlungen von radioaktivem Material, gebildet die grundsätzlich gesundheitsgefährdend sein können. Was aber noch viel wichtiger ist, das Material könnte durch unkontrolliertes Bewegen vieler Menschen in der ganzen Umgebung verteilt werden. Es war lange verboten in dieser Zone zu leben, einige Bewohner der evakuierten Dörfer haben es aber in der Ferne nicht ausgehalten und sind in die Zone illegal zurückgekehrt. Heute leben dort, z.T. seit vielen Jahrzehnten, ca. 140 Menschen. Dies wurde von der Regierung der Ukraine lange geduldet, seit einigen Jahren wurde diesen ehemals vertriebenen Menschen sogar offiziell erlaubt in ihre Heimat zurück zu kehren. 140 Menschen in diesem riesigen Gebiet sind nicht viele. Es ist ein Leben in überwiegender Einsamkeit als Selbstversorger und nur seltenen Möglichkeiten etwas einzukaufen. Für mich eine Horrorvorstellung, für diese Menschen genau die Art zu Leben die sie zufrieden macht.

 

Das Dorf Zalissya

Der Bus hält auf einmal an der Straße, mitten in der völlig verschneiten Landschaft. Es herrscht ein starkes Schneegestöber, außer uns ist kein Mensch weit und breit zu sehen. Nach dem Aussteigen erkennen wir einen Weg durch den unberührten Schnee. Hinter den kahlen Bäumen sind kleine Häuser zu erkennen. Der Ort Zalissya.

Der Kulturpalast des Dorfes Zalissya

Das Dorf wurde kurz nach der Reaktorkatastrophe verlassen und sich selbst überlassen. Die Menschen haben nur das Nötigste mitnehmen können, den Rest haben Plünderer erledigt. Es ist eine unwirkliche Stimmung während wir den Weg entlang durch das Dorf gehen. Die Häuser die aus dem Schnee ragen sind teilweise eingestürzt. Völlig verrottete Autos stehen vor den Türen. Vom Weg hören wir auf einmal das Bellen von Hunden. Ein ganzes Rudel kommt aus der Richtung der Straße auf uns zu gestürmt. Grund für Angst gab es nicht. Elena kennt die Hunde und sie begrüßen sie stürmisch. Zu wem sie gehören haben wir nicht erfahren können. Nach der Katastrophe sind Wölfe aus Weißrussland in das Gebiet zurückkehrt. Nun, im Winter, zieht es die Hunde zu den Menschen, weil sie die Wölfe in der Nähe wittern.

Die Reste eines Dorfladens

Wir betreten ein Haus dessen Dach noch intakt ist. Ein großer leerer Raum in dem eine einzelne verrottete Kühltheke steht. Der Boden ist voller Glassplitter der zerstörten Fenster durch welche der Wind Schneewehen in wirbelnden Wolken herein treibt. Flaschen liegen verstreut auf dem Boden, eine alte Preisliste auf der Kühltheke. Dies war einmal ein Geschäft sagt Elena.

Wir gehen weiter den Weg entlang. Plötzlich taucht zwischen den Bäumen der Giebel eines großen Gebäudes auf. Das alte Kulturzentrum. Wir betreten es durch die offen stehende Eingangstür. Die Holzdielen sind teilweise zerbrochen oder fehlen ganz. Hinter einer weiteren Tür stehen wir in einem großen Veranstaltungsaal. Jedes Dorf in der Sowjetunion hatte so ein Zentrum, sagt Elena. Propaganda brauchte ihren Ort. Der Saal ist völlig leer, über die Bühne hängt noch eine Parole aus alter Zeit. Die Decke hat an einigen Stellen Löcher.
Vor dem Haus zeigt uns Elena das erste Mal eine Stelle mit erhöhter Strahlung. Geht sie mit dem Geigerzähler ganz nah an eine bestimmte Stelle neben dem Haus, beginnt dieser Alarm zu geben und ein lautes Piepsen schallt durch den Ort. Der Wert ist nicht hoch, etwas mehr als ein Mikrosievert. Später werden wir stärkere Hotspots sehen, verspricht sie uns.

Der große Saal des Kulturzentrums

Eines der kleinen Wohnhäuser können wir noch betreten. Der Boden ist übersät mit einzelnen Seiten aus Heften und Zeitungen. Die Bodendielen fehlen in einigen Räumen komplett, wahrscheinlich wurden sie zu Brennholz. Die alten Tapeten lösen sich von Wänden. Kleidungsstücke sind zwischen den Resten zerbrochenen Geschirrs verstreut. Ich fühle mich wie ein Eindringling. Trotz der großen Zerstörung bin ich im Heim eines Menschen, stehe in den Resten seines Hab und Gutes.

Es ist ein unheimliches Gefühl mit so wenigen Menschen allein an einem Ort zu sein, der seit 30 Jahren verlassen ist. Ich gehe überwiegend allein umher, wenn auch immer in unmittelbarer Nähe zur Gruppe. Bin Gedanken bei mir und dem was ich sehe. Die Natur holt sich das Land zurück. Und doch lassen die Überreste das Leben an diesem Ort erahnen. Wir gehen zurück in den Bus, die Hunde sind irgendwann einfach im Schnee verschwunden.

Wir fahren weiter durch die Landschaft und kommen bald zum zweiten Kontrollpunkt. Die 10km-Zone ist erreicht. Der Bereich den wir nun betreten ist deutlich stärker radioaktiv belastet. Hier werden keine Siedler geduldet, nicht einmal Kraftwerksmitarbeiter dürfen in diesem Bereich übernachten.

Weitere Bilder: https://sharegallery.strato.com/u/oXWdz_nl/Cix7FZm5

 

 

 

 

 

 

 

Duga 1 – Ausflug in den kalten Krieg

Wir biegen von der Hauptstraße in einen Waldweg ab. An der Ecke steht eine mit Tiermotiven bunt dekorierte Bushaltestelle. Es handelt sich um die Zufahrt zu einem Kindererholungsheim, zumindest ist es das, was man der Bevölkerung erzählt hat. Verirrte sich ein Anwohner auf diesen Weg, traf er zufällig auf einen Polizisten der freundlich hierauf hingewiesen hat, verbunden mit dem Hinweis das dies nicht von Interesse wäre. In der Sowjetunion wusste jeder Bürger, dass diese Information ausreichend ist und man besser wieder geht. Alternativ konnte man sich auf dem Weg erschießen lassen oder hat ein kostenloses Ticket nach Sibirien gewonnen.

Nur die Bewohner der obersten Etagen der Hochhäuser von Prypjat konnten die eigenartige, riesige Metallkonstruktion sehen die sich hier im Wald verbirgt. Die Station war streng geheim und gehörte zusammen mit zwei weiteren Anlagen auf dem Gebiet der Sowjetunion zur Raketenabwehr im Falle eines amerikanischen Angriffes mit Atomraketen. Wobei, Abwehr ist vielleicht nicht das richtige Wort. Es ging im Grunde nur darum zu erkennen das der Feind die Raketen abgeschossen hat. Verhindern konnte man den Einschlag nicht. Aber man wollte die verbleibenden 3 Minuten dafür nutzen selbst auch die eigenen Raketen zu starten um am „Wir vernichten-die-Welt-Spiel“  teilhaben zu können.

Dass wir die 150 Meter hohe Anlagen besuchen hat nur indirekt etwas mit dem havarierten Kraftwerk zu tun. Die Abschaltung erfolgte nicht wegen der Reaktorkatastrophe, sondern schlicht deswegen, weil die Anlage mit dem Ende des kalten Krieges nicht mehr gebraucht wurde. Dass die riesige Konstruktion heute noch steht, dass hat allerdings sehr wohl mit dem Kraftwerk zu tun. Zur Beseitigung wäre eine Sprengung erforderlich gewesen. Diese hätte ein kleines Mikroerdbeben ausgelöst und es besteht die Einsicht, dass das Auslösen eines Erdbebens nur 5 km entfernt von einem mehr oder weniger intakten Kernkraftwerk mit vier Blöcken und Tonnen von strahlendem Material auf dem Gelände eventuell keine besonders gute Idee ist.

Es ist ein beeindruckender Anblick, insbesondere im Schnee. Der Wind erzeugt sehr eigenartige Geräusche, wenn er durch die Metallstreben der über 50 Miteinander verbunden Stahltürme pfeift. Die Anlage hatte zusammen mit ihren Schwesteranlagen eine so starke Sendeleistung, dass die Signale als unrhythmisches Klopfen auf der ganzen Welt mit Radioempfängern gehört werden konnten. Daher hat sie auch ihren Spitznamen: Woodpecker.

Wir fahren zurück auf die Hauptstraße und es geht weiter Richtung Reaktor.

Weitere Bilder: https://sharegallery.strato.com/u/oXWdz_nl/GIHHUxMN

 

Das Kinderheim von Kopachi

Das Dorf Kopachi wurde nach der Reaktorkatastrophe zu weiten Teilen abgerissen. Die Häuser bestanden aus Holz und das Holz hat die atomaren Partikel gut aufgenommen. Die Überreste sind durch kleine Hügel neben der Straße zu erkennen. Die Reste der Häuser wurden aufgehäuft, mit Erde bedeckt und mit einem Warnschild markiert.

In Kopachi besuchen wir ein ehemaliges Kinderheim. Auf dem Weg von der Straße zum Haus schlagen die Geigerzähler an. Das Gerät zeigt 0,6µS, wir befinden uns in der deutlich verstrahlteren 10km Zone. Die Straßen wurden dekontaminiert, die Gebiete darum meist nicht. Im Haus sinken die Werte wieder, dies ist häufig so. Wenn die Türen und Fenster zur Zeit der Katastrophe geschlossen waren konnte der radioaktive Staub nicht eindringen. Hätten die Menschen gewusst, dass sie bis zur Evakuierung in ihren Häusern und Wohnungen bleiben sollen, wären die Folgen der Strahlenbelastung vielleicht bei vielen geringer gewesen.

In zwei großen Räumen stehen Kinderbetten aus Metall. Die Matratzen fehlen. Dazwischen überall Kinderspielzeug, Puppen und Kleidungsstücke. Auf den kleinen Schränken sind noch bunte Bilder zu sehen. Das Haus ist in einem schlechten Zustand, die Decken hängen an einigen Stellen bereits durch. Ich stelle mir vor, wie das Leben der Kinder hier gewesen sein muss. Die vielen vielen Betten und dafür recht kleinen Räume. Der Gedanke an die Lebensverhältnisse vor der Katastrophe bedrücken mich mehr, als der Zustand des Hauses heute.

Draußen zeigt uns Elena den ersten richtigen Hotspot. Das Gerät zeigt an einer Stelle neben dem Haus einen Wert von 7,27µS. Ein unheimliches Gefühl diese hohen Werte zu sehen und doch zieht die Neugier die eigene Hand an die Stelle, alle möchten diesen Strahlungswert mit dem eigenen Messgerät angezeigt bekommen. Die Gefahr ist zu abstrakt um sie realisieren zu können, da die Strahlung nur wenige Sekunden auf uns einwirkt auch viel zu gering um schädlich sein zu können. Das Wissen darum nur wenige Schritte gehen zu müssen oder die Hand nur ein wenig zurück zu ziehen um wieder in sicherem Gebiet zu sein entspannt die Situation. Mit jedem Hotspot den wir finden verschwindet die Angst ein bisschen mehr.

Weitere Bilder: https://sharegallery.strato.com/u/oXWdz_nl/nudXUx4n

 

 

 

 

 

 

Der Reaktor – Ein Schrecken wird Real

Wir fahren weiter und die Umgebung verändert sich deutlich. Sind wir bisher durch eine unbewohnte Natur gefahren, nehmen die Zeichen dafür, dass wir uns dem Unglücksort nähern, zu. Riesige Trassen von Hochspannungsleitungen ziehen Schneisen in den Wald. Umspannwerke von einer bis dahin nie gekannten Größe liegen an der Straße.

Auf der rechten Seite im diesigen Schneegestöber tauchen dann die beiden unvollendeten Kühltürme der Reaktorblöcke 5 & 6 auf. Ein unheimlicher Anblick, daneben der fast fertige Block 6 des Kraftwerkes. Eine riesige Ruine umgeben von Baukränen. Einer der Kräne ist bereits in das Gebäude gestürzt. Mit Fertigstellung dieser beiden Blöcke wäre Tschernobyl das größte Atomkraftwerk der Welt gewesen.

Ich drehe den Kopf nach links und von einer Sekunde auf die nächste steigt eine heftige Übelkeit in mir auf. Mein Herz fängt an zu rasen. Durch das Schneegestöber erkenne ich den lang gezogenen Kraftwerksblock von Tschernobyl. An dessen Ende ragt der neue tonnenförmige Sarkophag in den Himmel. Davor der noch intakte Block 3, aus der Ferne sieht dieser Reaktor aus wir der havarierte Block 4. Was tun wir hier eigentlich? Es ist keine freudige Erregung die in mir aufsteigt, es ist ein kurzer Moment der Angst. Obwohl ich wusste, dass es nicht mehr weit bis zum Reaktor sein konnte hat mich der Anblick zutiefst erschrocken. Tschernobyl war bis jetzt nur ein Foto, ein Video, Erzählungen. In diesem Moment wurde es real.

Von diesem Schreck konnte ich mich aber erst einmal erholen. Die Mittagspause steht an und somit das Mittagessen. Das Besondere: Wir haben in der Kantine der Mitarbeiter gegessen, auf dem Gelände des havarierten Kraftwerks. Das Ambiente ist genauso, wie man es sich in einem sowjetischen Kraftwerk vorstellt. Nachdem wir auf strahlende Partikel hin geprüft wurden, kommen wir in einen sehr großen, kahlen Raum. Die Wände sind komplett mintgrün gestrichen. Bilder gibt es keine. Die Tische sind schmucklos und es hätten auch locker die doppelte Anzahl davon in den Raum gepasst. Die Essensausgabe entspricht ebenfalls jedem Klischee. Die Dame an der Schöpfkelle versprüht einmal mehr das Flair von „Deutsche Welle Polen“ in Perfektion. Bloß keinen Mundwinkel verziehen und eine gewisse Genervtheit, weil ich nicht sofort reagiere als sie mich anspricht, wird auch nicht im Ansatz verheimlicht. Wobei, Kim hat ihr tatsächlich ein kleines Lächeln abgerungen. Er hat auf ukrainisch Danke gesagt.

Anschließend geht es weiter zum Ort des Unglücks. Immerhin hieß es, dass wir bis auf ca. 300 Meter an den Reaktor herankommen würden. Die Fahrt folgt dem Kraftwerksgebäude entlang. Wir passieren unter anderem die nagelneue, von der EU errichtete, hochmodernen Aufbereitungsanlage für die Abfälle die hier entsorgt werden müssen. Bis vor einem Jahr konnte sie nicht in Betrieb genommen werden. Der Ukraine fehlen das Know How und die finanziellen Mittel dazu.

Und dann stehen wir auf dem Parkplatz direkt vor dem Sarkophag. 300 Meter? Nein so nah sind wir nicht herangekommen. Ich schätze das es ca. 100 Meter bis zum neuen Sarkophag sind. Der alte Schutzmantel ist nach 30 Jahren löchrig wie ein Sieb. Zudem beseht die akute Gefahr, dass das Dach einstürzt. Dies würde erneut eine große Menge radioaktives Material in die Atmosphäre bringen. Daher hat man sich entschlossen ein neues Schutzdach zu bauen. Die gigantische Kuppel wurde in der Nähe des Reaktors gebaut und dann über das gesamte Kraftwerksgebäude des zerstörten Blocks geschoben. Im Inneren befinden sich Kräne, die dazu dienen, dass radioaktive Material zu bergen und sicher zu entsorgen. Der neue Sarkophag hat gut 1,5 Mrd. EUR gekostet und soll ca. 100 Jahre halten. Aber auch hier ist es so, dass nach der Fertigstellung die Ukraine allein für den Betrieb verantwortlich sein soll. Ein wirtschaftlich angeschlagenes Land, das im Süden von Russland besetzt ist und im Osten mit einem Bürgerkrieg zu kämpfen hat. Wie realistisch ist es, dass sich dieses Land in den nächsten Jahren auf den Weg macht, mit gewaltigen finanziellen Mitteln, die Überreste der Reaktorkatastrophe zu beseitigen?
Der neue Sarkophag verdeckt jedes Zeichen darauf das hier eine der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte ihren Lauf nahm. An dem Ort an dem wir heute stehen herrschte vor 30 Jahren eine derart hohe Strahlenbelastung, dass der kurze Fotostopp bereits den sicheren Tod bedeutet hätte. Die Strahlungswerte überstiegen alles, was der Mensch bis dahin gemessen hatte.

Und heute? Ein sauberer, fast steril wirkender Ort, der, wenn man es nicht wüsste, eine x-beliebige Industrieanlage sein könnte. Die Strahlung liegt bei 0,6µS, kaum erhöht. Mir drängt sich der Gedanke auf, dass wir die Ukraine mit dem Problem des strahlenden Reaktors alleine lassen. Wir haben dafür gesorgt, dass das verseuchte Material bleibt wo es ist und keine Bedrohung für Europa darstellen kann. Bei der Lösung des Problems kann das junge Land offensichtlich keine weitere Hilfe erwarten. Von Russland nicht, aber auch nicht von der europäischen Völkergemeinschaft, die sonst die Fahne der Solidarität gerne wie eine Monstranz vor sich herträgt.

Wer nicht wüsste, was sich unter der Kuppel befindet, würde nichts von der Gefahr ahnen. So wie die wenigsten Besucher ahnen, dass in dem gelb angestrichen Gebäude gleich neben der Kuppel, direkt am Zaun zur Straße hin, bis heute das extrem strak strahlende Material lagert, welches man rund um und auf dem Reaktor eingesammelt hat. Eingesammelt damit auch wir heute hier stehen können ohne tödlich verstrahlt zu werden.

Weitere Bilder: https://sharegallery.strato.com/u/oXWdz_nl/uezS9W1R

 

Die Stadt Prypjat

Ein weiterer Checkpoint wird passiert. Es ist die Einfahrt in die Stadt Prypjat, nur wenige Kilomieter vom Kraftwerk entfernt. Links und rechts zwischen den Bäumen sind dunkle Plattenbauten zu sehen. Teilweise fehlen die Fenster aber sonst deutet im Schnee nicht viel daraufhin, dass diese Häuser seit 30 Jahren nicht mehr bewohnt werden. Unheimlich ist die Situation.

Wir halten direkt an der Hauptstraße im Zentrum der Stadt, die einmal 50.000 Menschen ein Zuhause gewesen ist. Von der Hauptstraße ist nichts mehr zu erkennen. Es ist eine baumbewachsene Schneise zwischen den Häusern. Elena zeigt uns ein Bild wie die Straße früher ausgesehen hat. Eine breite, mehrspurige Straße mit Bürgersteigen zum Flanieren und einem mit Blumen bewachsenen Mittelstreifen.

Wir gehen auf den Hauptplatz der Stadt. Hier steht der riesige Kulturpalast, einer der ersten Supermärkte der Sowjetunion, ein Restaurant. Dies ist alles ist nur noch zu erkennen, weil Elena es uns sagt. Die Fenster fehlen, die Gebäude wirken wie im Rohbau belassen. Es hat viele Plünderungen gegeben im Laufe der Jahre, das Wetter hat sein Übriges getan.

Leider können die Gebäude von Touristen nicht mehr betreten werden. Die Gefahr ist zu groß, die ersten Häuser sind bereits eingestürzt. Die Natur holt sich Prypjat mit jedem Tag ein Stück mehr zurück. Den einen oder anderen Blick können wir trotzdem aus dem Inneren der Gebäude erhaschen. Ein unwirkliches Gefühl, ich habe Vergänglichkeit noch nie so hautnah gespürt.

Bedrückend auch das Gefühl zu wissen, welche Tragödie sich hier vor 30 Jahren, am 26. April 1986 abspielte. Die Menschen der Stadt wurden nicht über das informiert, was im Kraftwerk geschehen ist. Es gab ein paar Gerüchte aber die wenigsten Menschen schenkten ihnen Glauben. Das Vertrauen in das System der Sowjetunion war noch zu groß. Und so ging das Leben seinen gewohnten Gang. Da das Wetter ungewöhnlich gut gewesen war, waren die Menschen auf den Straßen. Die Kinder spielten auf den Spielplätzen. Prypjat war eine sehr junge Stadt. Der Altersdurchschnitt lag bei unter 30 Jahren. Entsprechend war die Anzahl der Kinder sehr groß.

Es hat 1,5 Tage gedauert bis man die Menschen aus der Stadt evakuiert hat. 1,5 Tage in der die Bewohner einer Strahlung von 15.000µS ausgesetzt wurden. Die Menschen wurden nicht aufgefordert in den Häusern zu bleiben um zu verhindern das der Staub in die Häuser eindringen kann. Es wurden keine Jod Tabletten an die Kinder verteilt um die Schilddrüsen zu schützen. Die Schilddrüsen der Kinder haben das radioaktive Jod aufgesogen wie ein Schwamm, bis heute erkranken viele der damaligen Kinder an Schilddrüsenkrebs.

 

Am Mittag des 27.4.1980 fuhren endlich über 1.000 Busse in die Stadt und brachten die Menschen weg. Nur für drei Tage, dann könnten sie wiederkommen. Die Busse fuhren aus der Stadt und mit Ihnen wurde die Radioaktivität im ganzen Land erteilt. Die strahlenden Partikel hingen an den Haaren und der Kleidung. Die Räder der Busse wurden verseucht und fuhren nun in die umliegenden Gebiete. Die Rettung der Menschen hat dafür gesorgt, dass heute in vielen Teilen der Ukraine immer wieder erhöhte Werte an Radioaktivität gefunden werden können.

Es wurde versucht die Stadt wieder von der Radioaktivität zu reinigen. Es wurde Erde abgetragen, die Straßen mit viel Wasser gespült. Ein unermesslicher Aufwand wurde betreiben um die Sperrzone zu reinigen. In den ersten Jahren nach der Havarie wurden am Reaktor und in der Umgebung 800.000 Menschen eingesetzt.

In Prypjat musste man einsehen, dass dies aussichtslos ist. Die Stadt konnte nicht ausreichend gereinigt werden, um eine sichere Rückkehr der Bewohner zu ermöglichen. Auch eine Nutzung für die Arbeiter des Kraftwerkes fiel weitestgehend aus. Ein spezielles Problem stellt das Plutonium dar, das sich besonders in der Stadt überall festgesetzt hat. In Moosen ist es bis heute zu finden, da es Alpha- und keine Gammastrahlung ausstrahlt, ist es mit den herkömmlichen Geigerzählern gar nicht zu erkennen.

Die Zeit die folgte wird von den dort eingesetzten Sicherheitskräften als die schwerste beschrieben. Den Bewohnern wurde erlaubt in Begleitung in ihre Wohnungen zurückzukehren, um Wertsachen bergen zu können. Teppiche und Textilien waren dabei weitestgehend tabu, die Strahlenbelastung war einfach zu hoch. Die Bewohner konnten sich die Gegenstände in den Wohnungen suchen und wenn sie nicht belastet waren, durften sie sie mitnehmen. Es waren nicht die Wertsachen, die die Bewohner mitnahmen. Es waren die Bilder der Familien und andere Erinnerungen, die wichtig gewesen sind.

In diesen Momenten habe die Menschen realisiert was Ihnen zugestoßen ist. Sie haben realisiert, dass sie nie wieder in ihre Heimat zurückkehren werden, dass sie den größten Teil ihres Eigentums zurücklassen müssen. Sie habe aber auch realisiert, dass sie in einer völlig verstrahlten Stadt gelebt haben. 1,5 Tage lang. Die Menschen begannen zu weinen und zu schreien. Viele sind einfach zusammengebrochen. Helfer aus dieser Zeit haben berichtet, dass die ganze Stadt vom Schreien Weinen und Wehklagen der ehemaligen Bewohner erfüllt gewesen sei.

Es ist ein sensationelles Erlebnis diese verlassene und sich selbst überlassene Stadt zu besichtigen. Ein kleines Abenteuer. Man sollte sich bei einem Besuch aber immer wieder bewusst machen, was für ein schreckliches Schicksal ihre Bewohner gehabt haben.

Gibt es nun Grund über die Verantwortlichen zu urteilen, die es zugelassen haben, dass die Menschen so lange einer so extrem hohen Strahlung ausgesetzt wurden. Ja den gibt es! Es ist viel falsch gemacht worden in den ersten Tagen nach der Katastrophe. Aber auch bei dieser Geschichte gibt es zwei Seiten.

Die Leitung des Kernkraftwerks hat die Behörden in Moskau lange in Bezug auf das Ausmaß der Havarie belogen. Es wurde immer wieder gemeldet, dass das Gebäude zwar zerstört sei, der Reaktor aber intakt ist. Die Radioaktivität läge nur bei 3,7 Röntgen (die damalige Maßeinheit für Strahlung). Das wäre zwar viel gewesen, aber weit ab von den katastrophalen Werten, die tatsächlich vorgelegen haben. Das Messgerät konnte schlicht keine höheren Werte messen. Das wusste die Kraftwerksleitung, sie wollte aber nicht das Gesicht verlieren und glaubte die Situation selbst meistern zu können. Unmittelbar nach Bekanntwerden der tatsächlichen Gefahr wurde von den Moskauer Behörden die Evakuierung eingeleitet.

Warum hat man die Menschen nicht einfach gewarnt? Wäre den Menschen bewusst geworden in welcher Gefahr sie sich befinden wäre eine Panik ausgebrochen. Die Menschen hätten ihre verseuchten Sachen gepackt und wären mit ihren verstrahlten Autos in das ganze Land ausgeschwärmt. Die Folgen für die bis dahin wenig betroffenen Bevölkerung außerhalb wären dramatisch gewesen.

Und warum war man nicht besser vorbereitet? Weil das passiert ist, was nicht passieren konnte. Alle haben ausgeschlossen das es zu so einer Katastrophe kommen könnte. Entsprechend gab es keine Notfallpläne. Niemand wusste, was in so einer Situation zu tun ist.

Aber war eine derartige Geheimhaltung notwendig? Hätte man die Bevölkerung nicht wenigstens warnen müssen und auffordern in den Häusern zu bleiben? Hier werden unverzeihliche Versäumnisse deutlich. Ich bin überzeugt, dass es einen Mittelweg gegeben hätte. Aber die sowjetische Führung hatte zuviel Angst vor der Bevölkerung das Gesicht zu verlieren. Viele sagen, dass das Vertrauen der Menschen in das System tatsächlich so erschüttert wurde, dass mit dem Tag der Katastrophe von Tschernobyl das Ende der Sowjetunion begonnen hat.

Aber wäre der Ablauf anders gewesen, wenn das Unmögliche hier bei uns eingetreten wäre? Auch hier hat man so einen Vorfall praktisch ausgeschlossen. Es gab keine detaillierten Notfallpläne wie vorgegangen werden sollte. Und die, die das vertuschen? In Bilis hat es einmal einen schweren Zwischenfall gegeben, der nur mit einer gehörigen Portion Glück nicht zu einer Kernschmelze und entsprechend vergleichbaren Szenarien geführt hat. Die Behörden wurden erst über ein Jahr später durch den Kraftwerksbetreiber hierüber informiert. Und was ist dann passiert? Nichts! Das Kraftwerk lief weiter, der Betreiber wurde kaum zur Rechenschaft gezogen und detaillierte Notfallpläne lagen weiterhin nicht vor. Und Jodtabletten zum Schutz insbesondere der Kinder ebenfalls nicht flächendeckend in der Umgebung verteilt. Die Atomindustrie war DAS Sinnbild des Fortschritts. Sie wurde nicht in Frage gestellt, weil mit ihr der Fortschritt an sich in Frage gestellt worden wäre.

Weitere Bilder: https://sharegallery.strato.com/u/oXWdz_nl/GaPSR8yB

 

Der rote Wald

Die Stadt Prypjat hat damals im Grunde noch Glück gehabt. Nur wenige hundert Meter südlich verfärbte sich der Wald innerhalb weniger Tage in einer 3-4 km langen Schneise rot. Hier ist der Wald extrem stark belastet worden. Ob die Rotfärbung durch die Strahlung oder durch die sehr hohe Menge an Schwermetallen entstandenen ist, ist umstritten. Die Bäume konnten der Strahlenbelastung nicht widerstehen, sie starben ab. Das tote Holz wurde geräumt im Glauben die Belastung des Gebietes damit vermindern zu können. Dies war ein große Fehler, einer der vielen die aus Unwissenheit begangen wurden. Ohne die Vegetation wurden die Radioaktiven Partikel nicht mehr im Boden gehalten und der Wind verteilte sie weiter in der Umgebung. Aus diesem Grund wurde das Gebiet wieder aufgeforstet, die hohe radioaktive Belastung blieb.

Wer heute an der Straße steht sieht, dass die Bäume unten am Stamm alle schwarz verfärbt sind. Die dauernde Strahlung hat sie verbrannt. Die Bäume haben zum Teil groteske Wuchsformen, einige sind abgestorben. Geht man von der dekontaminierten Straße nur wenige Meter auf den Wald zu steigt die Strahlenbelastung sprunghaft an. Selbst die sonst wenig empfindlichen Plünderer vermeiden es den roten Wald zu betreten.

Bisher konnten wir uns immer durch wenige Schritte der erhöhten Strahlung entziehen, wir mussten den Arm nur wenige Zentimeter zur Seite nehmen und die Bedrohung war vorüber.

Durch einen Randbereich des Waldes führt die Straße von Prypjat weg. Über diese Straße sind wir gefahren. Die Strahlung stieg schnell auf über 10µS an. Nun hatten wir aber nicht die Möglichkeit uns einfach zu entziehen. Die ganzen Geigerzähler verfielen in einen schrillen Alarm. Sie machten die Bedrohung erlebbar. Es ist ein entsetzliches Gefühl zu wissen, dass die schädliche Strahlung gerade auf deinen Körper einhämmert und du hast keine Chance ihr zu entkommen. Die Fahrt durch den Wald dauerte nur 10, vielleicht 15 Sekunden. Ich war unglaublich erleichtert als wir den Wald verlassen haben und die Strahlung wieder auf das normale Maß sank. Die Fahrt durch den Wald hat mich für einen kurzen, im Grunde ungefährlichen Moment erleben lassen, was die Menschen aushalten mussten, die von der Gefahr wussten und trotzdem beim Löschen des Reaktors, dem Bau des Sarkophages und der Reinigung der Umgebung ihr Aufgabe erfüllten.

Die Kolonne der Busse aus Prypjat fuhr auch durch diesen Wald. Damals war die Strahlenbelastung noch einmal um ein Vielfaches höher als in der Stadt. Die Straßen waren durch die Busse überfüllt. Sie fuhren im Schritttempo.

 

Those who saved the world

Der letzte Halt unserer Reise liegt in der Stadt Tschernobyl, der Stadt die zwar 8 km vom Reaktor entfernt liegt und doch als Synonym für die Reaktorkatastrophe dient. Die Stadt ist bewohnt, hier leben viele der Arbeiter die in der Sperrzone beschäftigt sind.

Es waren die Feuerwehrleute der Stadt Tschernobyl die als erstes zum Unglücksort gefahren sind um den entstandenen Brand zu löschen bzw. einzudämmen. Ihre Kollegen von heute haben ihnen ein Denkmal gebaut, mit eigenen Händen. Sie nannten es „Those who saved the world“.

Es weht ein beißend kalter Wind am Denkmal. Und wir schweigen. Das erste Mal auf der gesamten Reise herrscht eine bedächtige Stille. Dieses Denkmal hat mich sehr berührt, denn es ist den Helden von Tschernobyl gewidmet. Es gibt diesen Helden ein Gesicht. Und dabei haben die Feuerwehrleute nicht nur ihre eigenen Kameraden geehrt, sondern Symbolisch alle die ihr Leben eingesetzt haben um das unsere zu retten.

Auf der rechten Seite stehen die Feuerwehrleute die versuchen den Brand zu löschen. Ohne diesen Einsatz hätte sich der Brand auf den direkt benachbarten Block 3 des Kraftwerkes ausdehnen können. Sie wussten nicht, in welcher Gefahr sie sich befunden haben und sie haben ihren Einsatz praktisch alle mit dem Leben bezahlt.

Auf der linken Seite steht ein Mann mit einem Geigerzähler. Er steht für all die Arbeiter des Kraftwerkes die rausgegangen sind und die Strahlung gemessen haben. Direkt am Kraftwerk, im Kraftwerk und auch in der Stadt Prypjat. Ohne diesen Einsatz wäre den Verantwortlichen noch viel später bewusst geworden, welches Ausmaß die Katastrophe tatsächlich hatte.

Ein Mann kniet auf dem Boden und hält sich den Kopf. Kopfschmerzen sind eines der ersten Zeichen der Strahlenkrankheit. Er steht für tausende Helfer die geholfen haben schlimmeres zu verhindern und die Gefahr einzudämmen. Sie haben dies mit Ihrer Gesundheit, viele mit dem Leben bezahlt.

Neben dem Mann kniet ein Arzt. Auch an die Ärzte und Krankenschwestern haben die Feuerwehrmänner gedacht. An das medizinische Personal im fernen Moskau, wohin die Strahlungsopfer gebracht worden sind. Obwohl für die meisten keine Hoffnung bestand haben sie sich um sie gekümmert. Sie haben versucht ihr unermessliches Leid zu lindern und ihnen beizustehen. Dieses medizinische Personal hat gewusst, dass ihre Patienten völlig verstrahlt sind, dass sie selbst sehr stark strahlen. Sie haben sich dieser Strahlung ausgesetzt, um ihren Patienten helfen zu können. Sie haben gewusst, dass sie diese Hilfe ebenfalls mit ihrer Gesundheit bezahlen werden.

Und wir sehen einen Mann, er schließt ein Absperrventil. Wäre der geschmolzene Kern in die mit Wasser vollgelaufen Untergeschosse des Kraftwerks vorgedrungen, hätte dies eine gewaltige Katastrophe ausgelöst. Die daraus resultierende Explosion hätte nicht nur die anderen Kraftwerksblöcke zerstört, es wir angenommen das die gesamte Region bis nach Kiew zerstört worden wäre. Die atomaren Brennstoffe aller vier Reaktoren wären quasi verdampft worden und hätten sich über ganz Europa ausgebreitet. Dies wäre das Ende der uns heute bekannten Welt gewesen. Auch Deutschland wäre wohl weitestgehend unbewohnbar geworden und die Bevölkerung völlig verstrahlt.

Es waren die Männer, die diese Absperrventile geschlossen haben um den weiteren Zufluss von Wasser zu verhindern. Es waren Taucher, die in die gefluteten Keller getaucht sind um die Ablaufventile der Abklingbecken zu öffnen. Diesen Tauchern hat man gesagt, dass das Wasser, in das sie gehen würden, hoch radioaktiv verstrahlt ist. Diese jungen Männer haben gewusst, dass sie diesen Einsatz mit dem Leben bezahlen werden. Diese jungen Männer haben sich trotzdem freiwillig dazu gemeldet das zu tun, was getan werden musste. Sie haben es geschafft genau diese Katastrophe zu verhindern. Heute weiß man, dass der geschmolzene Kern in diese Keller vorgedrungen ist.

Es sind die Helden dieser Tage die unsere Welt gerettet haben und dies mit ihrem Leben bezahlten. Viele dieser Helden wussten was sie tun, sie kannten die Folgen. Uns sie haben trotzdem ihren Job gemacht. Those who saved the world.

 

Der Morgen danach

Noch am Abend vorher war die Stimmung sehr gelöst. Wir waren fröhlich, müde und auch ein bisschen stolz, dass wir diese Reise gewagt haben.

Als ich am nächsten Morgen wach geworden bin war meine Stimmung etwas gedrückt. Die Bilder des letzten Tages erscheinen immer wieder vor meinem inneren Auge. Das Kraftwerk, die verlassenen Häuser, der Verfall. Da ich notorischer Frühaufsteher bin habe ich mich in die Badewanne gelegt und Kim noch ein wenig schlafen lassen. Auf YouTube habe ich eine Dokumentation zum Reaktorunglück gefunden die ich noch nicht kannte und mit diese im Wasser liegend angesehen. Die Reportage war wie ein Spielfilm gedreht. Die Ereignisse der ersten beiden Tage wurden nachgestellt. Die Geschichten und Bilder, die Eindrücke und Gefühle haben auf einmal ein Gesicht bekommen. Zusammen ist das eingetreten was ich mir erhofft hatte. Die abstrakten Erlebnisse meiner Kindheit sind greifbar geworden. Ich habe die Orte gesehen an denen das alles passiert ist. Ich habe die verlassenen Städte und Dörfer gesehen und einen Eindruck dessen bekommen was es für all diese Menschen bedeutet haben muss ihre Heimat plötzlich zu verlassen. Ich habe wenn auch nur für einen kurzen Moment das Gefühl nachempfinden können was es heißt einer unsichtbaren Strahlung schutzlos ausgesetzt zu sein.

Ich sitze dort, starre an die Wand gegenüber. Ein paar Tränen laufen über mein Gesicht

 

 

Wer die selbe Geschichte noch einmal aus der Perspektive meines Freundes Kim erleben möchte, kann dies auf seinem Blog tun: www.kimmathi.de.

 

Dieser Film wurde ebenfalls von Kim erstellt und bringt die Eindrücke noch einmal auf eine sehr eindringliche Art und Weise zur Geltung

 

 

 


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  1. Nico

    Hallo Jens,
    sehr beeindruckende Reise. Danke für die Emotionen, die man an den einzelnen Orten und Situationen empfindet. Sie sind das, was es schrecklich machte und macht und machen wird. Was aber keiner abstrakt empfinden kann.
    Ich stelle fest, dass ich dort nicht hinfahren möchte, vielmehr als ich es noch nie wollte. Japan hatte mich mehr interessiert, aber die Bedrückung muss so immens sein.

    Tolles Hotel hattet ihr! Kims vertippen…sehr gut!

    Danke! Nico

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