Jerusalem – Geschichte und Religion

Der heutige Tag war
in meinen Erwartungen der Wichtigste dieser Reise. Jerusalem.
Jahrtausendealte Geschichte und Neuzeit, drei große Weltreligionen
und die unterschiedlichsten Kulturen prallen in dieser Stadt
aufeinander. Seit Jahrtausenden umkämpft, viele Male zerstört und
immer wieder auferstanden.

Auf die Idee nach Jerusalem fahren sind wir allerdings nicht alleine gekommen. Vor dem Schiff haben sich 39 (!) Busse aufgestellt, fast alle mit Kurs auf Jerusalem. Wenn wir in Hamburg darüber klagen, dass wir Probleme mit den vielen Touristen haben, sollten wir uns mit den Bewohnern Jerusalems unterhalten. Die Stadt hat seit mehreren tausend Jahren Erfahrung mit dem religiösen Massentourismus. Erst kamen die Juden zum alten Tempel, dann die Christen an ihre heiligen Stätten und noch etwas später die Moslems. Und heute? Heute kommen die Mitglieder aller drei Weltreligionen in Scharen in die Stadt.

Aber warum ist es für mich so wichtig nach Israel und auch Jerusalem zu kommen? Wie bereits im gestrigen Bericht erwähnt, sind es nicht meine christlichen Wurzeln. Was ich auf dieser Reise gelernt habe ist, dass diese viel verkümmerter sind als ich es selbst angenommen habe. Wir müssen etwa 15 Jahre in die Vergangenheit gehen um zu verstehen was mich hier antreibt. Damals hatte ich einen jüdischen Freund, der ausgerechnet zu dieser Zeit seine jüdischen Wurzeln entdeckt und die religiösen Gesetze und Gebote recht konsequent gelebt hat. Das hieß für mich, dass ich für einen Außenstehenden ungewöhnlich tief in die jüdische Kultur eintauchen konnte. Da er sich Koscher ernährt hat, habe ich die Zeit meist bei ihm verbracht. Ich habe gelernt mit einer koscheren Küche umzugehen ohne dass er hinterher das halbe Geschirr koscher machen musste. Ich habe mit ihm oft den Sabbatabend gefeiert, habe am Tisch gesessen und den hebräischen Gebeten gefolgt. Ich war in der Synagoge und habe einige der hohen Feiertage miterleben dürfen. Ich glaube ich habe nie so religiös gelebt wie in dieser Zeit.

Mit dem Kontakt zu diesem Freund ist der Kontakt zum Judentum auch wieder abgebrochen. Diese Zeit hat aber ausgereicht um tiefe Spuren in mir zu hinterlassen. Ich liebe bis heute vieles aus der jüdischen Küche, ich habe die jüdischen Feiertage in meinem Kalender und sauge alle Informationen auf wie ein Schwamm. Meine Kippa, die er mir einmal aus Israel mitgebracht hat, habe ich gehütet wie einen Schatz und auch mit auf diese Reise genommen. Aus diesem Grund war es mir schon lange ein Bedürfnis den Staat Israel zu besuchen.

Nun sitze ich also
im Bus in die Stadt von der die Israelis selber sagen, dass es die
Stadt ist in der gebetet wird. In Haifa wird gearbeitet, in Tel Aviv
wird gefeiert und in Jerusalem wird gebetet. Ich bin wirklich
aufgeregt und auch wenn bei einem Ausflug mit einer deutschen
Reisegruppe das Christentum im Zentrum steht, bin ich voll auf meine
Kosten gekommen. Ich habe jüdisches Leben nie so alltäglich erlebt
wie hier. Beispiel: jeder hat sicher schon einmal die ultraorthodoxen
Juden mit ihren Anzügen und Hüten oder Kippas gesehen. In Jerusalem
tragen auch die coolen Skater Jungs oft eine Kippa. Da es ein Freitag
Nachmittag gewesen ist konnte ich miterleben wie die Menschen sich
auf den Sabbat vorbereiteten, das jüdische Leben dann zum
Sonnenuntergang erstarb. Ein tolles Erlebnis aber erst einmal zurück
zu unserem Ausflug.

Erster Anlaufpunkt war der Ölberg. Der eigentliche Tempelberg mit al-Aqsa-Moschee und Felsendom gehört zu den kleineren Erhebungen in der Stadt, so dass man an vielen Stellen auf ihn herabsehen kann. Die Aussicht war atemberaubend. Vor uns der Hang mit einer unzähligen Zahl an Gräbern, dahinter auf der anderen Seite des Tals der Tempelberg und die Altstadt Jerusalems. Ich habe es oft erlebt, dass ich Orte in meiner Phantasie überhöht habe und dann bei einem Besuch enttäuscht gewesen bin. Das war hier nicht so. Jahrtausende Geschichte und das Zentrum von drei Religionen liegen direkt vor einem. Ein unvergesslicher Moment.

Wir sind dann zwischen den Gräbern hinunter gelaufen zum Garten Gethsemane. Die Gräber sind der alte Friedhof von Jerusalem. Aber nicht nur die Bürger der Stadt wollten und wollen sich hier beerdigen lassen. Am Tag des jüngsten Gericht wird der Messias vom Himmel zum Ölberg heruntersteigen und die Toten werden auferstehen. Das erklärt auch den Wunsch vieler Juden am Ölberg beerdigt zu werden. Bei der Auferstehung sind sie dann in der ersten Reihe des Geschehens. Der Messias wird den Ölberg herunter schreiten und durch das zugemauerte Tor der alten Stadtmauer in die heilige Stadt zurückkehren. Erst wenn der Messias erschienen ist wird sich das Tor wieder öffnen.

Der Garten Gethsemane ist, soweit ich weiß, tatsächlich an der Stelle an der er in der Bibel beschrieben wird. Das ist nicht bei allen heiligen Stätten des Christentum so sicher. Auch heute stehen dort noch mehre Jahrhunderte alte Olivenbäume. Aus der Zeit Jesu sind sie aber nicht mehr. Im Inneren der Kirche befindet sich der Felsen an dem Jesu gebetet haben soll. Die Gläubigen gehen an den Felsen, knien nieder und berühren ihn. Einer nach dem anderen. Im Gegensatz zu vielen anderen christlichen Orten, die wir in den letzten Tage besichtigt haben, kommt hier niemand auf die Idee vor dem Stein ein Selfie zu machen. Dieser Ort hat die Gläubigen berührt und das wiederum hat mich berührt.

Weiter ging es in das neuere Zentrum von Jerusalem. Große Teile dieses Stadtteil waren zerstört. Man hat altes und neues so gut miteinander kombiniert, dass es ein einheitliches Bild ergeben hat. Ziel des dortigen Stopps: Eine 4D Videoshow zur Geschichte der Stadt Jerusalem. Das Ganze stellte sich als eine Art Flugsimulator heraus der uns – verbunden durch virtuelle Achterbahnfahrten – durch die Geschichte der Stadt brachte. Ganz nett gemacht aber sicher kein Muss wenn man in dieser Stadt ist. Merke: Wer Bandscheibenprobleme hat bleibt lieber weg. Danach dann das Mittagsbuffett in einem 5 Sterne Hotel am Rande der Altstadt. Man kann es schlechter haben.

Jetzt wurde es
richtig spannend. Als nächstes standen die Altstadt u.a. mit
Tempelberg und Auferstehungskirche auf den Programm. Und eben der
Klagemauer. Wenn ich die Klagemauer, die alte erhaltene Westwand des
Tempels des Herodes nicht gesehen hätte wäre ich sehr enttäuscht
gewesen.

Erster Halt war der Berg Zion. Hier haben wir einen Saal besichtigt, an dessen Stelle angeblich das Abendmahl stattgefunden hat. Ich habe da persönlich eine Menge Zweifel, war auch nicht so spannend. Ehrlich gesagt wäre ich persönlich lieber in die große Kirche nebenan gegangen, dort soll sich Maria niedergelegt haben.

Nach einem Spaziergang durch den eher noch großzügigen Teil der Altstadt stehen wir an einer Treppe auf einmal Höhe des Tempelbergs. Die al-Aqsa-Moschee ist direkt gegenüber, der Felsendom zum Greifen nah. Ein wunderbarer Anblick und ein tolle gespannte Stimmung an diesem Ort. Die Klagemauer lag im Hintergrund, etwas versteckt hinter einem Treppengerüst. Wir standen vor dem Tempelberg, schauten herüber und der Muezzin begann genau in diesem Moment die Gläubigen zu rufen. Jahrtausende alte Geschichte und heute gelebter Glauben zweier Religionen direkt vor mir. Wer da völlig unberührt bleibt sollte sich wirklich fragen was bei ihm nicht stimmt.

Und nun erzählte unser Führer und erzählte und erzählte. Von Steinen und Treppen und faulen Priestern. Und ich hatte zunehmend Angst, dass die bisher sehr christliche Tour die Klagemauer aus welchen Gründen auch immer auslässt. Aber die Sorge war unbegründet. Wir mussten durch eine Sicherheitskontrolle und hatten dann etwa 15 Minuten Zeit zur freien Verfügung. „Gehen Sie und sehen Sie sich die Mauer, schauen sie den Betenden zu und wenn sie möchten gehen sie vor und berühren Sie die Wand“. Berühren sie die Wand. Dass das für jedermann möglich sein sollte habe ich nicht gewusst und konnte es auch kaum glauben.

Also gingen wir bis zur etwa 20 Meter vor der Mauer stehenden Umzäunung und sahen an die Mauer. Das hat mich tatsächlich sehr ergriffen. Die Männer und Frauen beteten in getrennten Bereichen an der Mauer. Genauso wie man aus Bilder oder Dokumentationen kennt. Kim fragte mich dann ob ich hin gehen wolle. Er wusste, dass mir der Besuch der Klagemauer sehr viel bedeutet hat. Ich habe nur ein „weiß ich noch nicht“ gestammelt. Das hat mich einfach überfordert. Die Mauer einmal zu sehen und selbst dorthin zu gehen sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Und was mir viele die mich kennen nicht glauben, ich bin im Grunde meines Herzens ein ganz ganz großer Feigling. Aber ich habe mir einen Ruck gegeben. Dass Kim dabei war hat mir sehr geholfen.

Vor Aufregung habe
ich ganz vergessen das ich meine Kippa in der Tasche hatte und habe
einfach mein Kappie aufbehalten. Solange der Kopf bedeckt ist, ist es
in Ordnung. Wer keine Kopfbedeckung hat wie Kim bekam am Eingang eine
Kippa. Die Frage ob man Jude sei diente lediglich dem Zweck, dass man
dann auch noch die Gebetsriemen bekommen hätte.

Ich bin dann alleine vor zu Wand und habe erst einen Moment nur davor gestanden. Die Emotionen haben mich in diesem Moment fast erschlagen. Völlig unabhängig von meinem persönlichen Bezug zum Judentum stand ich auf einmal an einen für viele Angehörige einer Weltreligion wichtigen Ort. Zwischen den Steinen vor mir habe ich die vielen kleinen Zettel stecken sehen. Diese werden von den Gläubigen dort hinterlassen, mit Wünschen und Dank an Gott. Ich habe die Wand dann berührt und war ganz bei mir. Neben mir habe ich nur das hebräische Gemurmel anderer Betender wahrgenommen. Das war das erste mal seit vielen Jahren das ich selbst gebetet habe. Ich bin dann zurück zu Kim gegangen der selbst noch einmal an die Wand getreten ist.

Mich hat dieses
Erlebnis emotional völlig umgehauen. Ich musste mich erst einmal
sammeln um wieder in das Leben zurück zu kommen. Auch jetzt noch,
zwei Tage später spüre ich immer wieder die unermessliche Energie
die ich in diesem Moment gespürt habe. Ich bin unglaublich
glücklich, dass ich einmal die Kraft spüren konnte die religiöse
Menschen an solche Orte zieht. Was sie inspiriert, was sie weinen
lässt. Ich muss an die Menschen denken die an Steinen knieten, um
diese zu berühren weil Jesus dort gekniet haben soll. Ich muss an
die Menschen im Jordan denken denen ein unglaubliches Glück im
Gesicht stand als sie getauft wurden. Wer so einen Moment nicht
erlebt hat kann das glaube ich nur schwer nach voll ziehen.

Wir haben dann noch die Grabeskirche besucht. In ihr befindet sich der Hügel Golgata und das Grab Jesu. Ich habe wieder gesehen wie die Menschen lange anstanden um für einen Moment den Ort zu berühren an dem das Kreuz Jesu stand. Oder wie sich um das Grab drängelten um nur einen kurzen Blick darauf zu werfen. Ich selbst habe die Magie des Ortes nicht wieder so gespürt wie an der Klagemauer. Aber ich habe ein ganz anderes Verständnis davon bekommen was die Menschen antreibt an Pilgerstätten zu reisen und was sie dabei empfinden können. Ob die Orte wirklich die Orte sind die sie sein sollen? Keine Ahnung. Was ich in den letzten beiden Tagen auch gelernt habe ist, dass es für die Kraft die ein Glaube Menschen geben kann nicht wichtig ist ob ein Felsen in „Wahrheit“ ein paar Meter mehr rechts oder links gewesen ist. Diese Orte stehen als Symbole des Glaubens außerhalb solcher Fragen.

  1. Dr.Toth Andrasne

    Lieber Jens! Dein Bericht hat in mir alles wieder ganz stark zutage gefördert,was ich vor 30 Jahren,erste Novemberwoche 1988, dort in Israel,speziell in Jerusalem er- und durchlebt habe. Es beutelt einen geradezu!Ich hatte einen Zettel für die Mauer mitgenommen.,aber davorstehen und berühren war das Wichtigste. .Dazu muss ich noch sagen,dass man von Ungarn erst ab Herbst 88 überhaupt nach Israel reisen konnte. Ich hatte es mir seit meinem Religionsunterricht in der Kindheit erträumt,aber nicht die geringste Hoffnung. Und dann musste !!! ich sofort hin,innerer Zwang. Jeder Deutsche soll da hin und in sich gehen ,war so etwa mein Hauptmotiv.Was Du mit Deinem jüdischen Freund vorher erlebt hattest,kam bei mir alles nach der Reise.Stell Dir vor ,ich als einzige geborene Deutsche sass auf der Rundreise neben einem ungar. Auschwitzüberlebendem. Das hat mich nachhaltig beeinflusst u.geprägt. Aber der Boden dafür war vorbereitet.
    Vielen Dank dafür,dassDu Dein Innerstes offenbart hast.Grüße Kim!

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